Toyota Mira blau

Autobau deautomatisieren – passiert das gerade wirklich?

Toyota galt jahrelang als Vorbild der Branche in Sachen Effizienz, Automatisierung und vor allem Produktionsprozesse.

Das gesamte moderne Wirtschaftsvokabular der Branche kam praktisch aus dem Hause Toyota – Lean Production, Just-in-time… Der Roboter war der Optimierer, machte die Arbeit schlanker billiger und in vielen Teilen weniger anfällig für Fehler. So die Theorie.

Volkswagen-Fließband-Fertigung in den 50ern. Eine Beschäftigung in dieser Branche galt als Lebensstellung

Theorien kommen und gehen – wellenförmig wird die IT outgesourced und dann nach 6 Jahren versucht man verzweifelt, die Programmierer wieder heim ins Reich zu holen. Nicht so die Optimierungen, die Toyota vorgelebt hatte – die blieben stabil, prägten eine ganze Branche und zog die Zulieferer hinter sich her – unbarmherzig und in großen Teilen vernichtend.

Und alle machten mit – mit exotischen Ausnahmen wie Rolls Royce natürlich, aber die starben auch.

Stolz erzählen Weltumkrempler wie Elon Musk von der Fabrik, in der es keine Menschen mehr braucht – die Fabriken, in denen die Roboter die Produktion alleine in der Hand haben.

Seit etwas über 3 Jahren nun trifft Mitsuru Kawai bei Toyota Produktionsentscheidungen – und die müssen jedem geschulten BWLer die Haare zu Berge stehen lassen. Im Zentrum der höchsten Automatisierung nämlich werden Autos wieder von Hand gebaut. Kann das wirklich wahr sein?
Der – zugegeben exotische – Toyota Mirai etwa wird vollständig von Hand gebaut. Bei einer exotischen Produktion mag da manch einer die Schultern zucken – faktisch werden aber auch an anderen Stellen wieder Menschen eingesetzt, wo vorher Robotore waren. Warum? Weil die über Produktionsprozesse nachdenken, sie optimieren wollen und auch optimieren können. Roboter können das nicht.

Fertigungsrealität: Leute programmieren Roboter, Roboter arbeiten

Noch nicht? Jedenfalls können sie es zurzeit nicht. Und hier gilt es jetzt das System Toyota zu verstehen – den Autohersteller, beim dem die Mitarbeiter nicht Job A oder Job B lernen – sie lernen Toyota, lernen das Unternehmen als System und haben ein deutlich breiteres Wissen über den Konzern und Zusammenhänge als bei nahezu jedem anderen Automobilhersteller. Wenn jetzt Menschen bei Toyota wieder selbst schweißen, dann gilt das auch der Fortbildung, Umschulung und dem kollektiven Lernen eines automobilen Konzerns, der sich – wie alle anderen Automobilhersteller – auch breitesten Veränderungen ausgesetzt sieht.

Toyota will diese nicht einfach akzeptieren oder dem Markt hinterher rennen. Toyota hat den Hybrid markt- und gesellschaftsfähig gemacht, Toyota baut ein Auto mit Wasserstoff-Antrieb und hat einen klaren Blick in die Zukunft, in der Automobilhersteller nicht mehr einfach nur Autos bauen, sondern ein Rädchen in der großen Kette der Mobilität sind, die durch infrastrukturelle Komplexität längst nicht mehr ausschließlich von den Automobilherstellern gestaltet werden kann, sondern nur noch in größeren zusammenhängen gedacht werden kann.

Toyota Mira blau

Man muss den Toyota Mirai nicht schön finden – aber auf den sind viele Automanager wirklich neidisch

Wenn ein solcher Hersteller umdenkt, dann kann einem das schon sehr zu denken geben, oder? Dass dabei zu allem Überfluss wertigere Arbeitsplätze entstehen, in denen Menschen nicht nur einen halben Automatisierungsschritt beherrschen, sondern in Komplexitäten denken und arbeiten dürfen, ist mehr als nur ein angenehmer Nebeneffekt oder Abfallprodukt.

Es könnte ja sein, dass Toyota hier (mal wieder) nicht auf einen einzelnen Punkt in der Kette schaut, sondern vielmehr auf die Gesamtheit eines Prozesses. Und uns würde es nicht wundern, wenn da in ein paar Jahren ein paar Unternehmensberater durch die Lande laufen und den „neuen Toyotaismus“ lehren…