Dacia Logan MCV – ordninär, normal, angemessen?

Zuerst haben sie alle über Dacia gelacht. Dann ist der erste Dacia Logan auch noch unsachgemäß beim ersten gr0ßen Test aufs Dach gelegt worden. Üble Voraussetzungen, oder? Und jetzt schauen wir auf eine wachsende Marke, die sich einen Fußball-Promi als Anchorman leistet und dennoch die billigsten Autos am Markt liefert. Wie geht das?

Die Geschichte ist oft genug erzählt worden: Bei 7990 geht der Kombi des Dacia Logan los – mit 75PS und wenig Ausstattung, aber einigermaßen fair betrachtet bietet der Wagen den Innenraum eines Golfs – nur startet der bei 22.200€. In aller Fairness: Für das Geld hat er dann auch schon 115PS – aber wer weniger will, wird bei VW auch einfach nicht bedient…

Was taugt also so ein Kombi für die Junge Familie, der soviel kostet wie ein sehr stark gebrauchter Golf?

Auch nicht das Paradies an Zugänglichkeit…

Wir schauen nicht auf das 75PS Modell für 7990 – selbst der erfahrene Renault-Hndler sagt uns, dass den effektiv keiner kauft. Nicht etwa, weil der als idiotisches Lockangebot mit Fußangeln durchgehen würde. Die Haltung ist eher die: Ich kann doch für ein paar Mark mehr ein gescheites Auto kriegen – und hab dann immer noch halb soviel bezahlt wie der Golf-Käufer. Unsere Wahl fällt auf einen Dacia Logan MCV als Tce90. Ein Benziner mit 90PS, der deutlich besseren Comfort-Ausstattung und noch Parkpiepsern und Navi. Die beiden Hightech-Features ergänzen sich zu bemerkenswerten 450 Euro, womit der Wagen dann 12.000 Euro kostet (Stabiler Strassenpreis 11.300) – Klimaanlage, Nebelscheinwerfer und beheizbare Aussenspiegel eingeschlossen, die zur Comfort-Ausstattung gehören.

So gerüstet schafft der Wagen 175 Km/h Spitze und gehört damit bei Dacia schon zu den schnelleren Modellen (Der schnellste aller Dacias läuft 186). Wie schlimm ist das eigentlich mit dieser „Einschränkung“ zu leben? Hm… Premium-Hersteller Volvo hat gerade verkündet, die Höchstgeschwindigkeit aller neuen Modelle auf 180 zu drosseln. Dacia befindet sich also vielleicht sogar in ganz guter Gesellschaft. Und als die heutigen Neuwagenkäufer klein waren, galt 180 Km/h noch als stattliche Geschwindigkeit – das war die Range des Golf GTI oder der besseren Opel Commodore oder Mercedes 280 W123. Waren das etwa keine stattlichen Autos? Auch 11 Sekunden auf 100 sind ein Wort.

Beim Logan MCV Stepway könnte man sogar behaupten, dass der was hermacht. Der wirkt bullig und die Anbauten mag man lächerlich finden – sie stehen ihm aber weit besser als vielen anderen Fahrzeugen

Dasselbe gilt auch für die 1530 Liter maximalen Laderaums – da werden Fahrer eines Audi A4 Avant schon neidisch. Und der Dacia Logan MCV kann den Laderaum ganz ohne miese Taschenspielertricks – der hat diesen Raum einfach.

Der Dacia ist ein wenig hochbeinig für heutige Verhältnisse – aber man muss sagen: Jeder, der mal mit seinem Retriever auf einen Normalen Wanderparkplatz fahren möchte, jubelt hier – denn da setzt nichts auf, da verlierst Du keinen Spoiler und der Auspuff bleibt auch heile. Das ist ja eigentlich nicht das schlechteste, oder? Der Dacia ist konsequent entlang seines Nutzens konzipiert – und ganz ehrlich: das ist eine aussterbende Qualität. Das gilt beispielsweise auch für das möglicherweise hässliche Polyester, was die Rückseite der Fahrersitze ziert. Dafür kann es mit einem simplen Taschentuch porentief und dauerhaft gereinigt werden…

Die große Bodenfreiheit geht bestimmt zu Lasten der Straßenlage, richtig?

Den kann man schon ernst nehmen

Hm… Ja… geht so, muss man sagen. Der Dacia fährt sich auch nicht schlechter als ein 6 Jahre alter Golf, den man gebraucht wahrscheinlich für den preis bekommt… Tatsächlich neigt der sich etwas zur Seite – aber wer nicht ständig fährt wie ein Auto-Tester, der gerade den Grenzbereich auslotet, der hat hier wirklich keine schlimmen Verluste zu befürchten – und er bekommt den Alltagsnutzen der Bodenfreiheit dazu, die heute manche idiotischen SUVs nicht mal mehr bieten können.Und am Ende ist das Fahrwerk komfortabel. Im Grenzbereich wird der Logan etwas schwammig – da ist man dann schon froh, dass ESP an Bord ist, dann tatsächlich traut man dem Wagen den Grenzbereich nicht so recht zu.

Die Sitze sind da schon etwas schwächer und bieten verhältnismäßig weniger Seitenhalt als manch anderer in dieser Klasse. Dafür ermöglichen sie eine aufrechte entspannte Sitzposition und bringen eine seriöse Polsterung mit sich – und auch die verwendeten Stoffe sind unemotional aber solide. Da haben wir wirklich schlechtere Qualitäten für signifikant mehr Geld gesehen.

Tatsächlich ist die Schaltung, wie bei einigen Renault-Modellen, etwas hakelig, jedoch nicht in kritischem Umfang. Nörgler mögen den Wagen beim Beschleunigen laut finden aber eigentlich klingt der eher kernig, was eher dem Funktionsprinzip des Benziners geschuldet ist. Ein vielgelobter Dreizylinder von Volkswagen, wie kürzlich im Seat Arona getestet, hat ein ähnlich kerniges Geräusch. Und das brodelnde Hochdrehen eines Dreizylinders klingt deutlich sportlicher als das langweilige Surren eines kleinen Vierzylinders, soviel ist mal klar.

Schlicht aber einigermaßen strapazierfähig

Auf der Autobahn stößt der Wagen ab etwa 150 an seine Grenzen, bleibt dafür aber angemessen sparsam bis in diesen Geschwindigkeitsbereich. Hier kann man tatsächlich die Höhe des Fahrwerks erspüren – aber eben auch nur in der Art, dass lange Autobahnkurven mit Bodenwellen bei 150 Km/h einen graduell unentspannt machen. Echte Angst muss man nicht haben – aber wer eben aus dem zitierten doppelt so teuren Golf in den Dacia umsteigt oder gar aus einem kernigen Ford Focus der neuesten Generation, der spürt in diesen Geschwindigkeitsbereichen bei widrigen Bedingungen einen realen Unterschied.

Gegenrechnung: Für die Preisdifferenz zum Focus und erst recht für die Preisdifferenz zum Golf kann man den Dacia Logan MCV Tce90 nicht nur kaufen, sondern auch mal eben 3 Jahre fahren (Nicht dahingesagt – das ist mathematisch korrekt). Da spielt zum Beispiel auch eine Rolle, dass der Dacia auch extrem hohe Wiederverkaufspreise erzielt und beispielsweise auch angenehm günstig in der Versicherung eingestuft ist, was beides permanent substanziell Geld spart.

Die Bedenken des Stammtisches können wir übrigens auch nicht teilen – und hier zeigt uns der befreundete renault-Händler beim Blick unters Blech: Der Wagen ist angenehm sauber verarbeitet und hat zudem an vielen Stellen gut sichtbare dicke Schrauben anstatt komplexer und wenig belastbarer Stecktechnologien, die die Premium-Hersteller oftmals verwenden. Die Ersatzteile sind, selbst dann, wenn sie teilweise identisch sind, billiger als die aus dem Renault-Regal und an vielen Stellen tatsächlich auch von Laien einzubauen. Der Motorraum könnte dabei mehr Zugriff bieten – hier ist Dacia auch nicht besser als die anderen Hersteller – aber insgesamt bleibt der Dacia auf eine angenehme Weise konsequent unterkomplex. Und das hat Strategie.

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Und da liegt dann am Ende die Magie des Dacia: Du musst für dich entscheiden, was du willst. Klar ist, dass der Dacia Logan MCV – selbst als bulliger Stepway – kein Stammtischsieger ist. Für den beneidet dich in der Firmentiefgarage keiner. Ein guter Alltagsbegleiter für einen hochvernünftigen Preis ist er. Vernunft ist keine Schande – ohne den Preis wäre der Dacia 3 Sterne wert – der Preis verleiht ihm den vierten Stern.