Der Opel Insignia: Heimlicher Class-Leader?

Passat, 3er, A4 und Mondeo… Das kann doch jeder – ein Opel Insignia haben in Deutschland nicht so viele Leute vor der Tür stehen.
Warum eigentlich nicht?

Der Abstieg der Marke Opel ist schon legendär: Einst war gut jedes Dritte auto, das in Deutschland verkauft wurde, von der Marke mit dem Blitz – heute muss Opel froh sein, wenn sie von ihrem gesamten Modellprogramm mit all seinen Facetten gerade noch so viele Fahrzeuge zulassen wie VW vom Golf. Deprimierend, wie diese Marke schier systematisch zugrunde gerichtet wurde und sich in Teilen selbst überflüssig gemacht hat.

Eines der jüngeren Beispiele dafür war beispielsweise der Opel Insignia A. Dessen Erscheinen wurde überall beäugt, denn Opel braucht die Mittelklasse wie kaum ein anderer – denn Väter, die den Mittelklasse-Opel fahren, kaufen auch noch ein Astra Cabrio für die Gattin und einen Corsa für die Tochter – so ging jahrelang die Rechnung auf. Das riskierte Opel zunächst auf grausige Weise, indem sie in der wichtigen Mittelklasse schlicht keinen Kombi anboten (von Ascona B über Ascona C bis hin zum Vectra A), dann einen zu kleinen Kombi auf den Markt brachten (Vectra B), obwohl der Kombi in dieser Klasse das wichtigste Format war und Hersteller wie VW und Ford oft über 80% der Fahrzeuge als Kombi verkauften.

Opel Insignia B 2019

Stattlich: Opel Insignia B 2019 – vor allem in dunklen Farben macht der Wagen was her

Dann schließlich kam der Vectra C und kam mit einem Kofferraum, der lange zeit der zweitgrößte Kombikofferraum auf dem Deutschen Markt war. Väter liebten den Wagen. Und dann? Obwohl in Umfragen klar war, dass das ein entscheidendes Kaufargument war, kam der Nachfolger des Vectra C als Insignia A auf den Markt und hatte weder auf der Rückbank ausreichend Platz, noch konnte sein Kofferraum auch nur ansatzweise mit Passat und Mondeo mithalten.

Muss das sein?

Der Nachfolger, der aktuelle Insignia B, ist hier deutlich sozialkompatibler. Und nicht nur das: Er ist auch das, was man früher stattlich nannte. Bei unseren Umfragen bei knapp 40 Passanten, schätzen viele den Wagen tatsächlich als eine Klasse höher ein als den Passat. Vor allem Frauen scheint der Wagen zu gefallen. Die mögen nicht Käufer Nummer 1 sein – Kaufentscheidungen beeinflussen tun sie hingegen sehr wohl in dieser Klasse.

Was kann der Insignia B neben optischer Stattlichkeit?

Übersichtlich, gut strukturiert und extrem sauber verarbeitet: Der Opel Insignia B

Zunächst einmal gelingt es dem Insignia B schon beim Einsteigen, ein gutes Gefühl zu vermitteln – ein kleines „Willkommen zuhause“. Der Wagen ist angenehm luftig gestaltet, vermag seine äußere Größe in innere Größe umzusetzen und fühlt sich durch seine Lichtverhältnisse und die Gestaltung des Armaturenträgers deutlich luftiger an als der Mondeo und der Passat, in denen man sich im direkten Vergleich regelrecht ein wenig gefangen vorkommt.

Zum Fahren stehen uns zwei Sports Tourer (Kombi, Früher bei Opel stets Caravan) zur Verfügung. Ein 1,5er Benziner mit 165PS und Automatik sowie ein 170PS Diesel, letzterer mit Handschaltung.

Ganz gleich, mit welchem der beiden man losfährt – beide machen die zwei Dinge sehr schnell klar: Du sitzt hier in einem großen Auto, was die guten Seiten großer Autos angeht. Sprich: Die Federung ist satt, die Geräusche angenehm weg isoliert, der Wagen liegt satt. Gleichermaßen sitzt Du in einem kompakten Auto, was die guten Seiten angeht: Der Wagen hat ein agiles Handling, ist für ein Auto des Baujahres 2019 vergleichsweise übersichtlich und fühlt sich in Kurven notfalls auch mal leichtfüßig an, vor allem in Wechselkurven. So ist der Insignia B des Jahres 2019 mit beiden Motorisierungen ein ausgewogenes Auto, der sowohl Stadt kann, als auch Landstrasse, was nicht für alle Autos dieses Segmentes gilt (Der Hyundai I40 etwa versagt hier, sein Kia-Pendant ebenso und auch der Mazda 6 war da früher vergleichsweise besser).

Im Gegensatz zu manch einem Vertreter dieser Klasse ist der Opel Insignia auch noch in einem knackigen Rot zu haben, das ihn aussergewöhnlich gut kleidet

In seinem Element ist der Insignia dann so richtig auf der Autobahn. Das gilt vor allem für den Diesel und für den 200PS Benziner, den wir nur ganz kurz fahren konnten: Beide sind auf der Autobahn noch mehr in ihrem Element als der 1,5er benziner. Der mag ja 165PS haben, was in der Klasse mal viel war – richtigen Boost kann er jedoch nicht entwickeln, was ein ganzes Stück weit auch an der Automatik zu liegen scheint. Die macht an sich einen guten Job – und im positiven Sinne sind ihr hektische Schaltvorgänge fremd, im negativen schaltet sie einen Hauch zu langsam. Nicht falsch verstehen: Damit kann man ausgezeichnet leben und der Insignia B ist auch mit dem 1,5er Benziner mit Automatik kein langsames Auto – aber der 140PS Benziner, den wir 2018 gefahren sind, war mit Handschaltung das flinkere Auto – und zudem noch billiger.

Der Diesel kommt ausgezeichnet und gut dosierbar, also nicht mit dem sinnlosen Punch, den die Diesel noch vor 10 oder 15 Jahren hatten – der Motor ist einfach gut abgestimmt und die Schaltung, respektive Übersetzung ist immer so dimensioniert, wie man sie braucht. Das ist richtig gut und fühlt sich im Zusammenspiel so an, wie noch vor kurzem beim BMW – ausgezeichnet ausgewogen, sportlich und leichtfüssig.

Man fragt sich schon sehr ernsthaft, warum nicht auch andere Hersteller so in Sitze investieren wie Opel mit der Arbeitsgemeinschaft gesunder Rücken

Insgesamt ist alles im Insignia ziemlich flüssig und leichtgängig – auch die Bedienung, die vor wenigen Jahren noch gruselig war bei Opel, ist jetzt dort, wo sie dein soll und in jedem Falle durchdachter als die in der aktuellen E-Klasse. Und vor allem funktioniert im Gegensatz zu dieser jede Kopplung, jedes Streaming – hier ist Opel auf der Höhe der Zeit und vielleicht sogar eher etwas besser als der Durchschnitt.

Die Langstreckentauglichkeit der Sitze und Sitzposition überzeugt – und vor allem noch mehr, je länger man in dem angenehm ruhigen Wagen unterwegs ist. Hier muss man ganz klar sagen: Auch in einem so engen, umkämpften Wettbewerbsumfeld kann der Opel Insignia sich hier klar vom Passat und erst recht vom Mondeo abheben. Das gilt schon für die normalen Sitze – und für die AGR Sitze ohnehin – aus denen mag man sich nicht mehr erheben. Der Opel könnte mit verbundenen Augen als Vertreter der gehobenen Mittelklasse vom Schlage eines Audi A6 oder 5er BMWs durchgehen. Mit seinen 4,90 Metern liegt der Opel Insignia ohnehin nur wenige Millimeter unter diesen Fahrzeugen. Mit dieser Länge glänzt der Wagen dann auch beim Beladen – zwar hat er nicht den Kofferraum eines Skoda Superb, aber der ist dennoch ausreichend groß und vor allem auch gut zu beladen.

Insgesamt gilt: Hier werden keine Rekorde aufgestellt, aber alles ist ausreichend und alles ist ganz klar besser als im Mondeo und in den meisten Fällen so gut wie im Passat, den der Insignia bei den Sitzen outperformed. Schwächer als im Passat sind leider – vor allem im direkten Vergleich – beide Motoren. Jetzt kann man viel über Dieselgate philosophieren – die VW Diesel sind dennoch ausgezeichnet zu fahren. In der Realität braucht der Insignia jedoch genausoviel Sprit wie der VW, der nominell weniger verbrauchen sollte. Auch den Ford lassen beide Motoren stehen.

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In Summe ist der Opel Insignia ein echtes Fest – der Wagen ist modern, gut verarbeitet, auf der Höhe der zeit – Innenraum und Sitze gehören ganz objektiv zum besten, was man zurzeit kaufen kann – auf den Vordersitzen übertrifft er VW Passat und Skoda Superb, was durchaus etwas heissen soll. Dass vor allem die gut ausgestatteten Modelle preislich zudem vorbildlich sind, spricht umso mehr für den Insignia, der reale Strassenpreis ist deutlich niedriger als beim Passat – und lässt den Klassenprimus somit in Summe für viele Käufer stehen. Der 1,5er Benziner ist nicht die erste Wahl.