Ford Focus 2019 – wo steht der in der Rangordnung?

Zuerst war es Käfer gegen Kadett. Dann waren es Käfer, Kadett und Escort. Ab 1974 waren es Golf gegen Kadett gegen Escort – und die meiste Zeit über war der Ford Escort die unselige Nummer 3 in diesem Wettkampf. 1998 wechselte Ford vom Escort zum Ford Focus – und der setzte konsequent auf Handling. Seitdem hat Ford knapp 17.000.000 Focus gebaut. Not bad, oder?

Seit 2018 gibt es den neuen Focus – Modell 4 in der Reihe des Focus innerhalb der letzten 20 Jahre. Und allesamt hatten sie auf Handling gesetzt. 1998, als gerade der frische Golf IV auf dem Markt war und der zweite Opel Astra langweilig geworden war, platzierte Ford den Focus mit einem Knall – denn der hatte sich wirklich weit von seinem ewigen Vorgänger mit dem Stummelheck entfernt und war ein großer Wurf.

Ford Focus 2019

Erkennt man sofort – das ist ein…. Äh… Der neue Ford Focus könnte so ziemlich jedes aktuelle Kompaktauto sein, wenn man seine Seitenlinie betrachtet

Da war einmal das knackige Fahrwerk, dann ein Interieur, das den Namen einigermaßen verdiente. Sexy war auch das nicht – aber besser als beim Vorgänger.

Leider blieb das über die folgenden 20 Jahre stets die Achilles-Ferse des Ford Focus: Ford gönnte dem Wagen nie das Ambiente, das er verdiente. Beim zweiten Focus war das mal ein wenig besser – beim dritten krankte es wieder. Und das war die Summe der Eigenschaften. Und so viel vorweg: Auch bei der vierten Generation geht das wieder schief und wir fragen uns wirklich, wie schwer es sein kann, ein anständiges Ambiente zu einem vernünftigen Preis in einen solchen Wagen zu zaubern. Es ist deutlich besser geworden – der Ford wirkt wertiger als früher. Dennoch: Es sind die falschen Chrom-Teile, die Oberflächen und die fitzeligen Icons des digitalen Interfaces – all das ist beim Golf besser, ist beim Skoda Ocatvia besser, ist beim Opel Astra besser, ist beim Mazda 3 besser, ist beim Hyundai I30… okay – ich denke, das Konzept wird klar.

Innen anständig verarbeitet, wenn da nur nicht diese ganzen Fake-Flächen wären und die fisseligen kleinen Elemente.

Ford vergeigt den Innenraum auch beim neuen Modell wieder – und zwar genau so, dass sie deshalb wieder alle Tests verlieren werden – ohne Not. Denn was der Ford Focus 2019 sonst zu bieten hat, kann sich sehen lassen.

Da sind einmal die Dreizylinder-Motoren, mit denen Ford jetzt schon einige Erfahrung gesammelt hat. Die verbaut Ford sogar im schweren stattlichen Mondeo – und die machen auch im Focus einen guten Eindruck, wenn auch klar sein muss: die Motoren ähnlicher Leistung aus dem Volkswagen-Konzern fühlen sich objektiv und vor allem subjektiv stärker an.

Ford Focus 2019

Sehr aufgeräumt – da kann man nichts sagen

Bei den kleineren Motoren sieht das anders aus: Der 1000 Kubik-Motor ist vergleichsweise munter und muss sich gegenüber einem Golf nicht verstecken. Der Motor ist drehfreudig, agil über das gesamte nutzbare Drehzahlband – und das ist ein Großes in diesem Falle. In Summe ihrer Eigenschaften sind die 1000er Motoren die, die im Vergleich mit dem Wettbewerb mehr zu überzeugen imstande sind – absolute betrachtet verhält es sich ebenso: Wer sich einen gut motorisierten Focus kaufen will, sollte sich überlegen, ob die Motoren mit 1000 Kubik es nicht tun. Die geben bis zu 125PS her und sind für 200 Km/h gut. Mal im Ernst: Was will man denn mehr?

Mit dem 100PS Benzin-Motor, den wir am intensivsten getestet haben, kamen wir mit etwas über 5 Liter aus bei vernünftiger Fahrweise. Speziell auf der Autobahn sind 3,x ohne größere Mühen möglich, solange man einigermaßen gleichmäßig fährt. Dann ist der Ford Focus 2019 auch angenehm leise – so um 130 Km/h Dauergeschwindigkeit. Ein so angenehmes Reisen wie in diesem Zustand brauchte in den 90ern noch Limousinen der gehobenen Mittelklasse.

Und dann ist da ja noch die Glanzdisziplin des Ford Focus: Handling.

Wie auch andere Mitbewerber gibt sich Ford dem sinnlos techniziden Schwachsinn unnötiger Komplexität unterschiedlicher, leistungsabhängiger Fahrwerke hin. Die Unterschiede spüren nur Journalisten von Automobilfachzeitschriften. Angeblich.

Für normale Fahrer ist das Fahrwerk der schwächeren Versionen ebenso gut wie das der stärkeren: Ausgezeichnet in Handling und Agilität. Ford hat das beim neuen Focus nochmals deutlich optimiert – und das, obwohl der Wagen beileibe nicht so agil aussieht wie seine Vorgänger. Doch obwohl der etwas fettleibig daherkommt, fährt er sich auch in der neuen Generation leichtfüßig, lässt sich ausgezeichnet dirigieren, nimmt Kurven gierig wie manch ein angehimmelter Sportwagen der gehobenen Klasse… Der Ford Focus ist auch in seiner neuesten Version wieder der König der Golf-Klasse, wenn es ums Handling geht. Mehr kann man nicht verlangen.

Ebenso deutlich gewonnen haben die Automatik-Getriebe der neuen Generation.

Verfügbar sind die automatisch schaltenden Versionen ausschließlich für den 125PS Benziner und den 120PS Diesel, was ärgerlich ist, da speziell der Diesel dadurch in dieser Konfiguration sofort unnötig teuer wird. Tatsächlich geht der Diesel (bei kurzer Erprobung) die harmonischere Verbindung mit dem Selbstschalter ein, obwohl der Benziner immer noch sehr gut mit dem Getriebe harmoniert. Zur Gesamtabstimmung des Ford Focus passen die Schaltgetriebe besser.

Der Innenraum des Ford Focus ist vorne top, hinten sehr gut und im Kofferraum gut. Für einen großen Schein mehr gibt es den stur als Turnier betitelten Kombi. Dessen Laderaum setzt Maßstäbe – der Ford Focus als Kombi ist wirklich groß – und den testen wir bei nächster Gelegenheit.

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Fazit: Der Ford Focus ist ein ausnehmend gutes Auto und deutlich ausgewogener geworden, hat aber die Kern-Qualitäten behalten und verfeinert. Wäre der Golf nicht, wäre er wohl die Nummer 1. Das ist 4 Sterne wert.




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