Mercedes CLS, dritte Auflage – ist der eigentlich noch cool?

Im Spitzenjahr 2005, dem ersten vollständigen Baujahr des Mercedes CLS, haben die Stuttgarter mal fast 8.000 CLS in Deutschland zugelassen. In den Folgejahren kam Mercedes da nie wieder ran, obwohl der Wagen auch in einigen anderen Ländern ganz gut verkauft wurde, in Großbritannien beispielsweise.

Im Jahr 2011 ging es noch einmal sprunghaft bergauf, als die zweite Modellreihe neu auf den Markt kam, die es auch als Kombi zu kaufen gab. Der war ganz schön flach, war optisch aber dennoch ein echter Killer. Und er sah einfach nie recht nach Kombi aus, sondern immer noch irgendwie coupéhaft, was ja von Anfang an das Markenzeichen des CLS war: Ein Viertüriges Coupé. Ein Nahe-Oberklasse-Auto mit nahezu vollem Limousinen-Flair und dem Erscheinungsbild eines Sportwagens – das beste aus beiden Welten.

Garniert war das ganze dann noch – vor allem in der ersten Generation von 2004 – mit ein paar wirklich coolen Design-Zutaten wie beispielsweise dem unglaublichen Holzarmaturenbrett, das auf der Beifahrerseite wirkte, als habe man es gerade aus einer in Monaco aus einer millionenschweren Yacht ausgebaut. Ein Traum.

Hält der heutige CLS nach dem neuen Mainstreamen noch mit?

Wie auch für viele andere Mercedes der vergangenen Jahre gilt: Das Design der Marke ist gerade bei den neuesten Modellen immer beliebiger geworden. C-Klasse und E-Klasse lassen sich aus vielen Perspektiven kaum noch auseinanderhalten – da sollte ein wenig Abwechslung doch wohltuend sein, oder?

Tatsächlich ist der CLS 2019 durchaus immer noch ein Hingucker – wenn auch lange nicht mehr so sehr wie vor 15 Jahren. Beim Tanken spricht uns tatsächlich jemand an, ob es sich bei dem Wagen um eine Tuning-E-Klasse handelt. tja… in aller Fairness: Das bringt die Sache schon ziemlich auf den Punkt. Der Mercedes Benz CLS ist unzweifelhaft ein sexy Fahrzeug, aber eher eines, nach dem sich Benz-Heads umschauen, die wissen, was sie da sehen und dass der Wagen selten ist. Im Innenraum ist der Wagen reichlich E-Klassig. Auch da sieht alles sexy aus, aber wer je im 2004er Ur-Modell saß, der muss hier enttäuscht sein. Produktionsökonomie dürfte hier eine Rolle spielen. Hier und da findet man auch ein bisserl neue G-Klasse und andere leicht erkennbare Zutaten aus dem Konzernregal. Das war schon mal spannender – alles in allem ist das hier einfach zu viel E-Klasse im Innenraum.

Da steckt schon reichlich E-Klasse drin

Wie sieht das fahrerisch aus? Unterscheidet der CLS, der ja immerhin ein viertüriges Coupé sein soll, sich da? Ja… tatsächlich – das tut er. Der 1:1 Vergleich zur E-Klasse ist nicht ganz leicht, gelingt uns aber beim 450er Benziner und nur annähernd beim 350er Diesel. Der CLS ist im Schnitt etwas schwerer als die E-Klasse, fühlt sich aber pauschal im besten Wortsinne leichtfüssiger an, agiler. Langsame CLS gibt es ohnehin nicht – alle Modelle sind bei 250 Km/h abgeriegelt, das „langsamste“ Modell geht in 6,4 Sekunden auf 100. Aber hey: Das Startgebot liegt hier auch bei 60.500 Euro – die E-Klasse fängt schwächer motorisiert an, dafür aber auch 16.000 Euro günstiger – da kann man sich glatt noch einen Dacia Logan für die Fahrten zum Baumarkt gönnen.

Ähnlich wie bei der Mercedes E-Klasse ist auch der CLS unglaublich stark auf Autobahnen, vor allem durch seine Akustik, die sich keinen Millimeter hinter einer S-Klasse verstecken muss. Die Sitz-Geometrie sorgt zudem dafür, dass man sich graduell sicherer fühlt in dem Wagen, so als hätte man mehr Kontrolle über das Fahrzeug. Das ist wirklich schwer zu erklären, wenn man es nicht erlebt. Mercedes schafft es hier, etwas cooles auf die Beine zu stellen, das wirklich Sportlichkeit und Luxus in ausgezeichneter Weise vereint. Im Bereich der Übersicht hilft das natürlich nichts – eher im Gegenteil. Die 360 Grad Kamera ist bei diesem Wagen kein Luxus.

Und auch eins muss klar sein: Wir reden hier nicht von „Knackig“ – der Wagen fährt sich immer noch wie ein Luxus-Auto, was ja auch schon immer die Stärke der großen Mercedes Coupés war, ganz gleich wie viele Türen sie hatten.

Das konnten sie schon immer, die Stuttgarter. Aber der neue CLS ist in vielen Belangen einfach zu normal

Und in dieser Tradition steht der Mercedes CLS und macht einen wirklich guten Job in diesem Genre. Jedoch: Das gilt vor allem und in erster Linie im direkten Vergleich der beiden Fahrzeuge. Ein aktueller 5er BMW mit sportlichem Fahrwerk und/oder größeren Rädern macht auch als Limousine keinen schlechteren Job in Sachen Fahrspaß und Dynamik. Vielleicht sogar einen besseren, in jedem Falle auf kurvigen Landstrassen. Schon allein, weil der BMW schnell mal 3 bis 4 Zentner leichter daherkommt.

Um den Vergleich fair abzurunden: Wirklich billiger ist so ein 5er BMW auch nicht – und natürlich ist der irgendwie normaler und dadurch vielleicht auch langweiliger (zumindest bei denen, die E-Klasse und CLS unterscheiden können…).

Völlig E-Klassisch – bis auf den zu stark abgeflachten Dach-Bereich

Alles in allem kann man da schon ins Grübeln kommen, wenn man sich zwischen diesen Fahrzeugen entscheiden will. Richtig Sinn zu geben scheint der CLS erst dann, wenn man die anderen Alternativen in Betracht zieht: Ein E-Klasse Coupé macht auch nicht mehr her und ein Coupé der S-Klasse fängt bei schlanken 103.000 an. Bei den anderen Marken stehen da der Audi A7 als Sportback, der eine echte Alternative darstellt und fahrdynamisch mindestens auf demselben Niveau liegt sowie der 6er als fettleibiger Grand Tourismo. Der Volkswagen Arteon spielt nur auf dem Papier teilweise in derselben Klasse.

Was dem Mercedes allesamt voraus haben: Ganz entschieden bessere Multimedia-Systeme, die mehr können, sich schneller, einfacher und zuverlässiger mit Mobilfunkgeräten jeder Art koppeln und im Regelfall auch noch billiger sind. Hier kommt Besserung erst in der nächsten Generation, was in der Preisklasse nur belächelt werden kann. Das System reagiert schon auf weit verbreitete Launcher mit Ablehnung und auch im Werkszustand ist nicht sichergestellt, dass das Streaming immer funktioniert. Ebenso überrascht das System gerne mit bizarren Fehlfunktionen, vor allem im Streaming – aber auch in der Navigation, die auch bei der Wahl der „Schnellsten Strecke“ immer mal wieder dadurch überrascht, dass beim Abweichen von der Strecke plötzlich 10 Minuten weniger angezeigt werden. Was ist denn dann bitte die Auswahl „schnellste Strecke“ wert? Das serienmäßige Sound-System hat in den Extremen von Bass-Darstellungen Schwächen und knirscht zuweilen, wie uns auch schon in der E-Klasse aufgefallen ist.

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Der CLS vermag sich nicht deutlich genug von der E-Klasse abzuheben und das Flair des Besonderen zu bieten, das diese Baureihe in früheren Versionen bereits hatte. Digital ist der Wagen für ein Baujahr 2019 in der 70.000€ Klasse inakzeptabel.




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