Mercedes W124 Youngtimer

Mercedes W124 – Der steinerne Benz?

Man mag über heutige Mercedes ja denken, was man will.

Die neue A-Klasse etwa sieht für unsere Wahrnehmung deutlich asiatischer aus als die meisten asiatischen Autos – und Mercedes ist weit davon entfernt, die haltbarsten Autos der Welt zu bauen – das nämlich haben ihnen die Asiaten längst abgenommen, die nicht im ersten Impuls immer nach dem Shareholder Value schauen.

Der Mercedes W124 jedoch erzählt eine andere Geschichte – heute mehr denn je.

1984 erschienen und bis 1995 gebaut, nimmt der Mercedes W124 eine Sonderstellung in der Mercedes Benz Mittelklasse ein – kein anderes Modell wurde so lange gebaut. Davor etwa wurde artig nach 8 Jahren ein neues Modell vorgestellt, die späteren Modelle gab es oft sogar weniger als 8 Jahre.

Mercedes W124 Youngtimer

Die grüne Plakette bestimmt heute oftmals, welcher Preis für den Wagen gezahlt wird. Das ist in Teilen ungerecht, aber eben der Realität geschuldet, wenn ein Auto erst einmal über 30 Jahre auf der Strasse ist.

Wenn es nach einigen handfesten Mercedes Fans ginge, hätte man mit dem Bau des Wagens 1995 noch lange nicht aufhören müssen.

Zwei Faktoren sind hier wesentlich:

  • Einmal war der Mercedes W124 wirklich ein ungemein solides Auto. Der Wagen hatte in Phasen Rostprobleme und Anlaufschwierigkeiten im Getriebe-Strang, die als Bonanza-Effekt bekannt wurden – am zurecht guten Image des Wagens rüttelte das jedoch nicht.
  • Der W124 stellte gegenüber seinem Vorgänger eine erhebliche Weiterentwicklung dar, war signifikant dynamischer zu fahren und brachte eine Palette neuer Dieselmotoren mit, die für damalige Verhältnisse in unglaubliche Regionen der Leistungsausbeute vorstießen – hatte ein 200er bis 1980 noch 55PS gehabt, hatte das neue Modell kaum 4 Jahre später 72PS – bei gleicher Steuer.
  • Der W210, der Nachfolger des W124, galt als qualitativ weit schlechter und wurde von Mercedes peinlich öffentlich totgespart – und das zeigte sich in den ersten Jahrgängen an allen Ecken. Dadurch wurden gebrauchte W124er deutlich erstrebenswerter und der Wagen erhielt einen besonderen Heiligenschein, wie ihn Mercedes Modelle sonst erst weit später erhalten.

So werden Legenden geschaffen – und der Mercedes W124 ist eine. Und er ist das nicht nur auf den Youngtimer- und Oldtimer-Treffen – er ist vielmehr bis heute ein Alltags-Held der besonderen Art – ein Wagen, den niemand mehr so recht hergeben möchte. Es sind nicht nur religiös fanatische Fans, die den Wagen behalten, sondern ganz normale Menschen ohne besondere Auto-Ambitionen, die einfach nur die Erfahrung machen, dass der Wagen für die Ewigkeit gebaut ist, das typische Langzeitauto darstellt.

Mercedes W124 T-Modell

Der W124 ist kein rein Deutsches Phänomen – auch in anderen Ländern hat der Wagen eine feste Fan-Gemeinde

Heute gilt das leider nur noch für die Benzin-Motoren – die verbauten Diesel haben Mühe, Einstufungen zu erhalten, mit denen man sie noch guten Gewissens durch Großstädte fahren könnte. Im Westerwald jedoch, im platten Norddeutschland oder in  Niederbayern schert das koa Sau ned.

In Berlin sieht man heute hingegen mehr Benziner durch die Gegend kutschieren – und auch die scheinen ewig zu halten. Bei Mobilde.de wurde kürzlich ein W124 mit Sechszylinder-Benziner verkauft, der knapp 700.000 gelaufen hatte – und fast 6.000 Euro kosten sollte. Und der stand nicht lange… Faktisch kann man die Benziner übrigens mit 10-12 Litern bewegen – da muss man also auch keine wirkliche Angst haben wie etwa bei US-Fahrzeuge dieser Jahre.

Die Kombis – bei Mercedes T-Modelle – erzielten dabei lange Zeit die absurdesten Preise, sind aber mittlerweile entweder aufgebraucht und ausgeschlachtet oder in Sammlerhänden, die sie nicht mehr hergeben, was in den vergangenen 3 Jahren die Preise der Limousinen überproportional ansteigen lässt. Generell geht hier im Bereich Preis nichts mehr nach unten – die Preise des Mercedes W124 kennen nur noch eine Richtung.

Das erreicht dann zum Teil schwachsinnige Höhen: Kürzlich haben wir bei einer Mercedes-Niederlassung einen – zugegebenermaßen ausgezeichnet gepflegten – Kombi für 18.900 Euro gesehen. Natürlich hatte auch der eine Viertelmillion auf dem Tacho.

Lohnt es sich wirklich, in diesen Wagen noch zu investieren?

Unsere Erfahrung zeigt: Ja. Wer ein vernünftiges Exemplar bekommt, der erhält mit dem Mercedes W124 heute eine Synthese aus einem Wagen mit überschauberer, wirklich solider und einigermaßen leicht zu pflegender Technik und gleichzeitig einen Wagen, der immer noch im normalen Alltag mitschwimmen kann und sich dort erfreulich wirtschaftlich zeigt.

Die besten Modelle sind der 230E und der 300E an der Benziner-Front – am besten stets mit der Automatik, die keinen Vergleich mit heutigen Schaltautomaten scheuen muss.

Innen eine ergonomische Wohltat – vor allem im Vergleich zu einem modernen W213

Diese Diesel sind aus heutiger Sicht wie gesagt schon problematischer – und das wird sicherlich in den kommenden Jahren nicht wirklich besser werden – ganz jenseits der aktuellen Diskussionen um das Thema.

Fazit: Wer das Langzeitauto sucht, kommt nur selten so nahe an das Ideal dieser Idee heran wie bei diesem Mercedes der 80er und 90er Jahre. Die Verfügbarkeit von Ersatzteilen ist nach wie vor hoch und mit dem Wagen kennen sich die meisten Werkstätten noch einigermaßen gut aus. Frühe Hightech wie die ersten Navigationssysteme bilden die Ausnahme – die machen gerne mal Stress. Aber dennoch gilt: Wenn Du heute im Alltag einen steinernen Benz fahren willst: Das ist er.



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