Mercedes W213: Drei Wochen Bevormundung durch den digitalen Vollversager

Wenn wir in der auto Motor und Sport lesen „Das Multimedia-System weist eine weniger klare Nutzerführung auf als das der Mitbewerber,“ dann klingt das immer ein wenig so, als wäre das nur ein Staubkorn, das man schnell wegwedeln könnte. Für uns stellt es sich als gefährlicher Albtraum mit hohem Baldrian-Potential heraus…

Drei Wochen für eine Roadshow an den aktuellen Mercedes W213, also die aktuelle Mercedes E-Klasse, gebunden und dabei viel unterwegs – für manch einen klingt das faszinierend. Du sitzt in einem fetten Benz für knapp 80.000€ – in unserer Kindheit konnte man dafür Einfamilienhäuser am Stadtrand kaufen…

HR Giger hatte nicht nur Aliens im Kopf, er hatte auch anatomisch ein paar ungewöhnliche Ideen…

Ein witziger Vergleich geht uns bei der ersten Fahrt von Hamburg nach Harlingen durch den Kopf: Der E220D ist ja eigentlich das Brot- und Butter Modell der aktuellen E-Klasse – das, was der 230E in den 80er Jahren war, als Diesel noch laute Stinker für Handwerker waren und meiner Oma nie ins Haus gekommen wären. Schaut man sich aber mal die Leistungswerte an, stellt man erschreckt fest: Der E220 von heute kann tatsächlich den Olymp unserer Jugend, den 450 SEL 6.9, outperformen. Der hat nicht das Drehmoment des V8 – aber der ist schneller, beschleunigt genauso schnell… Unfassbar.

Leiser ist er auch, das muss man sagen. Eine E-Klasse von heute erlaubt Unterhaltungen bei 180 Km/h, ohne, dass man herumbrüllen müsste. Der Wagen ist schier realitätsleugnend leise und gut gefedert – 500 Kilometer am Stück sind in diesem Wagen ein Klacks. Tatsächlich ist der Mercedes hier einsame Spitze: Der Wagen ist bis zu 3DB leiser als seine beiden wichtigsten Mitbewerber. Das ist eine komplette Schall-Welt.

Naja… 500 Kilometer am Stück wären ein Klacks.

Wäre da nicht dieser irre Fernseher in der Mitte des Wagens wäre – gepaart mit all seinen Bedienelementen, die einem erst einmal wieder klar machen, wie easy so ein Auto der 70er zu fahren war. Die Erkenntnis ist ja in sich nicht neu für uns – aber was Mercedes daraus gemacht hat, grenzt an gefährlichen Psychoterror.

Fährst Du los, teilt dir der Wagen erst einmal mit, dass die Passagiere, die auf der leeren Rückbank nicht sitzen, nicht angeschnallt sind… Das kann man nicht einmal ignorieren. Will man andere Parts der multimedialen Vollumfangs-Krake nutzen, muss man bestätigen, dass man diese sinnlose Information gelesen hat.

Hier kannst Du notfalls Low Budget Filme produzieren. Die visuelle Qualität ist ausgezeichnet, die Funktionalität des Gesamtsystems beleidigend

Nur: Wie??

Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Feedback-Elemente des Fahrzeuges lässt hier multiple Lösungen zu… Da gibt es den Dreh-Drück-Regler in der Mitte des Wagens, wo früher mal der Schalthebel zu finden war. Der bringt allerdings nichts. Überschattet wird der von einem Dingsbums, dass an HR Gigers frühe Entwürfe des Aliens aus den Rdiley Scott Filmen erinnert. Der hat diverse Funktionen, die sich nicht immer erschließen. Und noch schlimmer: Manche davon löst man versehentlich aus, wenn man dem Ding zu nahe kommt – denn im Grunde ist das ein Touchscreen, ein weiterer Drucksensor und eine Möglichkeit, Teile der Soundanlage zu bedienen. Absurd.

Keines dieser Bedienelemente hilft im übrigen weiter, wenn man das Display im Cockpit nutzen will, anstatt dort darüber informiert zu werden, dass die nicht hinten sitzenden Passagiere verantwortungsloser Weise nicht angeschnallt sind…

Helfen tut hier ein kleiner Knopf links am Lenkrad, der jedoch als solcher nicht zu erkennen ist. Auch er ist nämlich eigentlich ein heimlicher Touchscreen.

Also: Berührungssensitiv.

Im Lenkrad.

Das Lenkrad, das man ständig berührt.

Eine grandiose Idee… Und nicht gerade was für Leute mit dicken Fingern. Wer Handschuhe trägt, kann sich das Thema mal gleich abschminken… Mercedes hat das auch gemerkt und den Elementen deshalb vorsichtshalber eine gewisse Latenz mitgegeben. Die allerdings nervt richtig. Was Audi hier macht (Rädchen mit einem stärkeren Widerstand) funktioniert ganz entschieden besser. Hätte das teure Navi einen interaktiven Splitscreen, wie BMW ihn seit über 10 Jahren kennt, wäre das Thema komplett vermeidbar… Den Screen des W213 kann man zwar splitten – bedienen kann man aber immer nur den (rechten) Hauptscreen. Ausserdem lassen sich die Belegungen auch nicht frei wählen – nur manche Funktionen gehen auf dem linken Screen. Oh Mann…

Mercedes S213

Faszinierende Werte, wenn man es drauf anlegt

Und dann kommt die schlimmste Funktion: Die Navigation.

Wer die spontan findet, ist schon ziemlich cool. Und wer sie bedienen kann, noch cooler. Man fühlt sich ein wenig an die ersten zaghaften Versuche erinnert, einen Windows PC zu bedienen oder ein Siemens E35i oder so. Nichts bedient sich hier so richtig intuitiv… Die Spracheingabe funktioniert nicht an allen erwartbaren Stellen und auch nicht immer gut. Selbst ein 18.000 Euro Seat Arona ist hier deutlich besser.

Und das schlimmste: Diese Ansage. Kann man es glauben? Mercedes baut einen Wagen für jene gut 80.000 Mark zusammen. Den kann sich ja nicht einfach jeder Random Dude leisten. Mercedes jedoch traut diesen Menschen nicht zu, dass sie die Entscheidungskompetenz haben, die Ansage-Stimme dauerhaft auszuschalten – eine absolute Standard-Funktion!

Aber es gibt sie nicht.

Zunächst glauben wir, dass wir einfach nur zu blöd dazu sind – irgendwoe wird man die Stimme doch dauerhaft verbannen können oder zumindest auf Lautstärke Null runter regeln.

Wir bekommen die Stimme auch abgeschaltet – aber bei jedem noch so kurzen Neustart (Tanken etwa oder kurz zum Bäcker) schaltet sich die verfluchte Lady wieder ein! Oder auch, wenn das Navi die Strecke ändert – dann ignoriert es deinen Wunsch nach „kein Geschwätzt“ wieder. Auf langen Strecken kann das somit 6-8 Mal passieren, bis du wirklich paranoid wirst und regelrecht auf die Jagd gehst, wie du die Stimme am schnellsten ausschalten kannst (geht übrigens über eine Taste im Lenkrad, die neben einem der diversen Touchdinger liegt, aber gedrückt werden muss).

Auch sonst macht einen die Technik in diesem Wagen aggressiv wie in kaum einen anderen Fahrzeug dieser Klasse. Ipod ansteuern? Geht – kann aber nur abspielen. Mal in eine andere Playlist wechseln, kannst Du dir abschminken – oder auch nur irgend einen Song aus der Playlist auszusuchen… stimmt – wer sollte das schon wollen?

Navigation ist auch lustig. Die funktioniert in etwa so wie in den 80ern und leitet dich in nahezu jeden Stau – bis du sie über die App mit dem Wagen verbindest und dann live Traffic hast. Der Prozess erschließt sich nicht sauber und ist irre aufwändig. Live Traffic wird ab dahin links unten im Riesen-Display angezeigt. So weit links unten, dass es stets vom Lenkrad verdeckt wird. Guys… Wie lange baut ihr Autos…?

Dekorativ, oder? Aber mit insgesamt 5 gängigen Mobiltelefonen und 2 verschiedenen Ipods getestet und multimedial als desatrös empfunden. Am Ende bei zwei Mercedes Händlern vorstellig geworden, die auch nur geschwitzt haben und was von Komplexität faseln mussten… Auch ein aufwändiges Reset hilft nichts

Streaming? Jo… Immer gerne. Jedoch… selbst wenn das Telefon mit dem Wagen gekoppelt ist, bedeutet das nicht etwa, dass man auch von demselben Telefon Spotify nutzen könnte. Oder schlimmer: Du kannst es nutzen, aber nur ungefähr eine Minute – ab dann erfolgt die Ausgabe plötzlich über das Telefon selbst. Das lässt sich nur beheben durch Anhalten, den Motor mehr als eine Minute abstellen und wieder neu starten (Vollkommen ernst gemeinter Tipp eines Mercedes Benz Fachhändlers).

Die haben uns auch bestätigt, dass man die Navi Stimme tatsächlich nicht abschalten kann. Warum das Command-System so unfassbar wenig digitale Normalanforderungen wie Streaming oder IPod erfüllen kann, konnten sie uns auch nicht sagen. Ein ganz schönes Armutszeugnis. USB Sticks mit Musik drauf werden hier irre schnell eingelesen – aber auch für die bietet ein 15.000 Euro Skoda heute mehr Bedienmöglichkeiten an. Ein Paar davon verbindet Daimler mit einem nochmals teureren Paket. Auch das funktioniert nicht zufriedenstellend und kann mit Telefonen von LG und Huawei nicht wirklich umgehen. Wer jetzt als IOS-Fan ein Lächeln im Gesicht hat: Das Iphone X ist auch ein Grenzfall und des Iphone 7 geht nur Donnerstags oder so.

Apple CarPlay macht tatsächlich einiges besser – Android Auto kann der dicke Benz gar nicht sauber verarbeiten. Technisch gesehen kann er es – aber dann haben beispielsweise oft alle Lieder immer den gleichen Titel und die gleiche Länge…

Immerhin: Wenn das ganze verbunden ist und funktioniert, ist der Klang toll – auch noch bei über 180 Km/h. Aber wir haben jetzt bei unserem Provider vermerken lassen, dass wir die E-Klasse nicht mehr wollen. Ein Auto, das solche Funktionen nicht bereitstellt, ist 2019 einfach nicht tolerabel.

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Die digitalen Fähigkeiten des W213 liegen weit unter dem Klassenschnitt und sogar weit unter den Fähigkeiten halb so teurer oder noch billigerer Wagen und verdienen nicht mehr als einen Stern. In Teilen ist das schon verkehrsgefährdend, weil man auf den ersten paar hundert Metern mehr damit zu tun hat, unliebsame Funktionen abzuschalten als mit dem Fahren selbst. Unverantwortlich.
Man muss das fühlen. Wir waren selbst erstaunt, wie sehr die Digital-Wahrnehmung des Wagens das eigentlich tolle Fahrgefühl dauerhaft überschattet.




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