Nachruf: Der Family Van

1995 schenkte uns Volkswagen den Sharan. Wenn Volkswagen ein Segment besetzt, kann man sicher sein, dass es schon ausreichend andere gibt, die dort ihr Glück versucht haben…

Tatsächlich war das auch beim Van so. In Europa hatte Renault seit den frühen 80er Jahren bereits den Espace im Programm – aus heutiger Sicht ein Meilenstein an

  • Raumökonomie
  • Variabilität des Innenraums
  • Rundumsicht

In aller Fairness: die heutige Regulatorik ließe einen solchen Wagen nicht mehr zu – aber er war schon ein cooler Hund. Und natürlich kam er aus dem Land, in dem Familien auch gerne Mal mehr als zwei Kinder haben.

VW Sharan

Aus heutiger Sicht angenehm kompakt – gerade einmal so lang wie ein 3er BMW aus den 90ern

Aber er trat seinen Siegeszug an. Plötzlich wollte jeder einen Van im Programm haben – am besten in jeder Fahrzeugklasse. Speziell in den kleinen Klassen gab das enorm viel Sinn. Die erste Mercedes A-Klasse (W168) realisierte auf der Fläche eines kleinen Kleinwagens mehr Raum als ein Golf und eine Variabilität, die ihresgleichen suchte. Die A-Klasse war qualitativ ein übles Auto – aber konzeptionell stellte sie im Grunde die Zukunft eines urbanen Automobils in Reinform dar – vor allem in ihrer Langversion, am besten mit Lamellendach.

Heute, wo man sich fragt, wo man am besten die Batterien des Elektroantriebes unterbringt, wäre der Sandwich-Boden der A-Klasse oder des Toyota Previa die exakte Antwort. Nur: jetzt, wo man ihn bräuchte, ist der Van leider ausgestorben.

Selbst der Kombi schwächelt – und der war bei uns jahrelang ein Fels.

Renault Espace 1985

Mann, war der kompakt für das, was er alles konnte… Der erste Renault Espace

Die Leute kaufen lieber SUVs, die in ihrer Trendigkeit gerade die Phase durchmachen, die Vans zur Jahrtausendwende durchlebten.

SUVs in allen Klassen, wohin man sieht. Dabei ist das genau das Fahrzeugkonzept, das in der Zukunft des Automobils das dümmstmögliche ist. Die große Stirnfläche ist schlecht für den Luftwiderstand und somit die Effizienz. Die Raumökonomie ist so ziemlich jedem anderen Fahrzeugkonzept hoffnungslos unterlegen. Hinzu kommt: weil die Kunden nicht bereit sind, die Nachteile der hohen Bauweise in Kauf zu nehmen, werden die SUVs tief gebaut und büssen dadurch auch noch ihre wenigen theoretischen Vorteile vollständig ein, die sie in ihrer ursprünglichen Erscheinungsform als Geländewagen noch hatten

Mitsubishi Grandis

für Van Verhältnisse fast schon ein Coupé – der Mitsubishi Grandis

Aber die Marketing-Story scheint zu stimmen, während die des Family Vans irgendwie immer problematisch zu sein schien. Männer, die Käufergruppe Nummer eins, wollten scheinbar nie zugeben, dass sie eine Familie haben. Lieber tun sie so, als würden sie nach der Arbeit noch irgendwo ein paar Kühe zusammentreiben oder ähnlichen Quatsch, den ein SUV symbolisieren könnte.

Der Van stand für Familie, stand für Kinder. Dabei hatten viele Leute den Van, weil sie nicht gleich einen VW Bus wollten oder bezahlen könnten, aber dennoch gerne ausreichend Platz für die Fahrräder und Surfbretter hatten.

Selbst die unerhlichsten Vans vom Schlage eines Ford S-Max, eines Mitsubishi Grandis und ähnlichen Cross-Overs hatten mehr Alltagsnutzen als ein BMW X1 – oder schlimmer noch: BMW X6, die endgültige Perversion von Geländewagen als solches.

Die heute noch verbleibenden Vans lassen sich so langsam an einer Hand abzählen und stammen annähernd exklusiv aus den Konzernen Volkswagen und Renault. Und die Nachfolge des Sharan ist alles andere als gesichert.

Herr, Lass Hirn vom Himmel fallen.



2 Kommentare

  • Daniel

    Danke für diesen schönen Beitrag, der mir aus der Seele spricht.

    So sind wir (nachdem wir kein Fahrzeug aus dem VW Konzern und keinen Franzosen wollten) bei der Marke gelandet, die sich wohl am längsten gegen den Van gewehrt hat: BMW.

    Der 2er Grand Tourer ist natürlich ein kleinerer Vertreter des Segments, ist aber raum-ökonomisch ein Traum. Und fährt als 220i (also mit dem Motor aus dem Mini Cooper S) längsdynamisch fast auf dem Niveau eines Golf GTI. Mir fällt es schwer an dem Wagen etwas auszusetzen…

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