Tempolimit 130 – diskutieren wir das eigentlich im Ernst?

Irgendwo muss wohl Wahlkampf sein, denn plötzlich ploppt das Thema eines generellen Tempolimits auf Autobahnen wieder auf und wir wie immer hoch emotional diskutiert.

Das hat in Deutschland lange Tradition – wir spielen das schon seit 1973. Ja, Kinder – das war damals zur Zeiten der ersten Energiekrise. Viele, die das Thema heute wieder diskutieren, waren da noch nicht einmal auf der Welt. Ist das Thema wirklich so komplex?

Fragt man die üblichen Meinungsführer, ist das nicht der Fall. Der ADAC etwa hat schon mehrfach seine Meinung dazu kundgetan, regelmäßig gestützt durch nicht zitierte Quellen, die belegen, dass die Zahl der Unfälle pro gefahrenem Autobahnkilometer auf Autobahnabschnitten ohne Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht höher liegt als auf Abschnitten mit 120 oder 130 Km/h.

Das ist populistisch praktisch – statistisch an Blödsinn jedoch nicht ganz leicht zu überbieten. Wo beispielsweise ist da die Intensität der Unfälle? Wo ist die Betrachtung der Abschnitte, in denen das Tempolimit beginnt? Da weiss man gar nicht, wo man da anfangen soll.

Aber das ist ja nicht mal der eigentliche Skandal. Der ADAC bringt es fertig, in so einer Pressemeldung kein Wort zum Thema Umwelt zu sagen. Und das ist heutzutage selbst für eine Autolobbyorganisation unerträglich peinlich, oder?

Tempolimit und gesunder Menschenverstand

Ausgerechnet CSU-Verkehrsminister Scheuer bringt es fertig, sich damit zitieren zu lassen, die Vorschläge zum Tempolimit seien „gegen jeden Menschenverstand“. Gerade der kann einem hier ungemein helfen – und ganz speziell da, wo es um die Themen gibt, die das Thema Energie und unsere Zukunft im Individualverkehr betreffen.

Welche Folgen hätte ein generelles Tempolimit auf Bundes-Autobahnen?

  • Effekt eins: Wir müssten uns nicht mehr um aggressive Wahnsinnige im Rückspiegel kümmern, die mit Lichthupe bei 150 auf einen Meter Abstand auf ihr Recht aufmerksam machen, 250 fahren zu dürfen – schon das wäre ein unschlagbares Argument für ein Tempolimit
  • Der Benzinverbrauch sinkt automatisch ab – und zwar großflächig und drastisch. Untersuchungen auf Niederländischen Autobahnen und auch auf US-Highways zeigten bereits in den 80er Jahren auf, dass der Effekt gigantisch ist. Auch bei modernen Autos steigt der Verbrauch und somit der Schadstoffausstoss mit höherer Geschwindigkeit überproportional an
  • Wenn die Geschwindigkeit auf 130 Km/h für alle begrenzt ist, verändert sich die Fahrzeuglandschaft hin zu kompakteren und leichteren Autos – und nicht nur das
  • Eine konsequente Auslegung eines Tempolimits würde dazu führen, dass Autos deutlich leichter werden. Wenn nicht mehr für Kollisionen mit 200 Km/h gebaut werden muss, macht das einen erheblichen Unterschied im Fahrzeugbau und bei möglicher Materialauswahl
  • Wenn Baureihen nicht mehr auf gigantische Höchstgeschwindigkeiten ausgelegt werden, sinkt das Gewicht der gesamten Baureihe, denn wenn ein Golf 100 bis 300 PS abdecken muss, werden automatisch auch die schwächer motorisierten Modelle schwerer, um Komponenten für die Hochgeschwindigkeit aufnehmen zu können – und da hilft Modularität und Plattformstrategie mal exakt nichts
  • Wenn die Autos leichter werden, kann die Motorisierung noch kleiner gewählt werden und präziser ausgelegt werden, weil nicht mehr so viele Fahrsituationen abgedeckt werden müssen – das senkt den Verbrauch im Durchschnitt nochmals
  • Und plötzlich befinden wir uns in einem ganz anderen Szenario, denn sinken die Verbräuche der nun kompakteren und leichteren Autos nochmals und lassen sich situativ optimieren, dann wären co2 Ausstöße unterhalb der heutigen Spitzenreiter möglich, die bei rund 90 Gramm liegen. Gehen wir mal von 75 Gramm aus, sind das 7500 Gramm auf 100 Kilometer. Bei der durchschnittlichen C02 Belastung des Deutschen Strom-Mixes ist das ziemlich genau der Wert, den moderne E-Autos wie der Nissan Leaf haben – die jedoch brauchen vorneweg erst einmal eine viel höhere herstellungs-Energie

In Anderen Worten: Hier liegt ein Hebel, zwei Drittel der aktuellen Diskussionen um Energieeinsatz im Individual-Verkehr von jetzt auf gleich zu beenden. Man muss ein Tempolimit dafür nur konsequent und schnell umsetzen.

Die flächige Umsetzung einer gleichmäßigen Geschwindigkeit nimmt ausserdem den Hass aus dem verkehr, der durch die verzweifelte Jagd nach den kurzen Strecken entsteht, auf denen man wirklich schnell fahren kann. Alle Versuche der großen Deutschen Verkehrsforen haben gezeigt, dass die gleichmäßige Geschwindigkeit in der Fläche die Aufnahmefähigkeit der Autobahnen, den Verkehrsfluss und somit am Ende – und das ist fast bizarr – die höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten ermöglicht.

Über längere Strecken Durchschnittsgeschwindigkeiten von 120 und mehr zu erreichen, ist auf den meisten Autobahnen längst Utopie. Niemand kann von Frankfurt nach München in 2 Stunden fahren durch dauerhafte Hochgeschwindigkeit. Die Auto Motor und Sport hat das vor Jahren einmal getestet und konnte mit den Rasern kaum schneller große Strecken bewerten – schon allein deshalb, weil der Geschwindigkeitsvorteil durch die höhere Tankwahrscheinlichkeit in großen teilen aufgefressen wird.

Und den „Vorteil“ muss man sich mal vor Augen führen. Auf der erwähnten Strecke Frankfurt München liegt der Zeitgewinn zwischen einem Schnitt von 125 und einem von 140 km/h bei gerade einmal 20 Minuten. Tanken dauert schon 8… Das Risiko ist dabei erheblich höher, ebenso der Verbrauch.

Insofern zum Thema Emotionalität: Wer am Individual-Verkehr in seiner heutigen Form hängt, der sollte ein Tempolimit mit Freunde unterstützen.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.