Wie alltagstauglich ist der Nissan Leaf?

Leading Environmentally-Friendly Affordable Family Car nennt Nissan seinen Elelktro-Golf – ein ziemlicher Anspruch an sich selbst. Aber in aller Fairness: Wenn es einer geschafft hat, den Elektromotor zu den Massen zu bringen, dann ist es Nissan gewesen mit dem Leaf – über 300.000 davon wurden bereits verkauft – über 40% aller Elektroautos sind Varianten des Nissan Leaf.

Und die Tatsache, dass nun auch VW in 2020 in dieses Thema ernsthaft einsteigen will, verrät uns, dass da irgendwo ein Markt sein muss…

Während die anderen noch experimentieren, hat Nissan sogar schon die zweite Generation des Leaf auf dem Markt sein 2018 – und sieht nicht mehr ganz so glatt gelutscht aus wie die erste, ist scharfkantig und erregt eine gewisse Aufmerksamkeit, während der erste extrem unauffällig wirkte und mit seine E-Ladefront immer etwas traurig daher zu kommen schien.

Der neue Leaf ist tatsächlich in allen E-Disziplinen besser geworden – mehr Kraft, mehr Reichweite, mehr Möglichkeiten. Beheizte Sitze hinten etwa und eine Klimaanlage, die diesen Namen wirklich verdient, machen den Wagen zu einem Freund im Alltag. Der Leaf ist nach dem üblichen Golf-Muster geschnitten – was bislang für die meisten E-Autos etwas riskant war, da man die Batterien irgendwo unter den Kofferraum quetscht und diesen dadurch oft erheblich reduzierte. Nicht so im aktuellen Leaf, der es auf satte 436 Liter Kofferraum Bringt – 93 Liter mehr als sein Vorgänger, da die Batterien nun deutlich weiter vorne sitzen. Wer sagt, dass die konzeptionellen Eckpfeiler der Elektromobilität schon überall fest eingeschlagen sind?

Zum Vergleich: Ein E-Golf hat demgegenüber 100 Liter weniger, ein I3 von BMW 150 Liter weniger. Der Nissan Leaf ist für diese Klasse richtig gut. Erst bei umgeklappten Sitzen werden die Batterien sichtbar und nehmen Laderaum weg, den konventionelle Verbrenner an dieser Stelle bieten – mit knapp 1200 Litern Ladefläche ist der Leaf der zweiten Generation dennoch immer noch gut für diese Klasse.

Ein Stück weit zeigt der Nissan Leaf das, was schon lange einmal gezeigt werden sollte: So ein E-Auto kann ein echter Normalo sein. Nichts an diesem Wagen fühlt sich spontan komisch an, nicht wirkt anders, schrullig oder eingeschränkt. Das hier ist einfach die Golf-Klasse von Nissan – und Ja, es ist die mit dem Elektromotor mit der Automatik.

Erst beim Fahren geht es los – da ist dieses kleine Tesla Feeling. Erst einmal der geräuschlose Motor, dann diese Beschleunigung mit dem geräuschlosen Motor: 7,8 Sekunden sind drin – und die Beschleunigung fühlt sich durch die unaufgeregte Akustik stets schneller an. Das ist schon irgendwie cool und man muss sich dann mal darauf einlassen, um wirklich die volle Kraft der E-Technologie auszuschöpfen. Zu Beginn tritt man da immer zu fest drauf, weil man das so gewohnt ist – dasselbe gilt für die Bremsen und die Rekuperation, die sich hier natürlich anders verhalten als bei einem Benziner, den du laufen lassen kannst.
Dennoch gilt: Beim Nissan Leaf ist das alles auf das maximale Niveau von „Normal“ reduziert

Bei umgeklappter Rückbank stellt man leichte Einschränkungen durch die Batterien fest

Auch sonst ist der Nissan angenehm unauffällig. Der Wagen federt ausgezeichnet, was in Teilen an seinem verlagerten Schwerpunkt liegt. In der Stadt rächt sich das ein wenig. Bei langsamem Tempo ist der Wagen etwas unausgewogen, aber in begrenztem Umfang – viele moderne SUVs sind diesbezüglich weit schlimmer, der Opel Mokka beispielsweise. Auch das Handling des Nissan ist ausgewogen und erreicht einigermaßen das Niveau der guten dieser Klasse wie etwa dem Opel Astra – an den Ford Focus kommt er nicht heran. Wer aber sagt, Strom-Autos fahren sich uninspiriert und langweilig, der liegt beim aktuellen Nissan Leaf einfach falsch. Unklar, warum Nissan das bei seinen maximal langweiligen Nissan Tiidas und Pulsars nicht hinbekommen.

Man kann sich das ganze versauen, indem man den Wagen ohne Training im schärfsten Energiesparmodus fährt, der den Wagen so heftig ausbremst, dass man es wirklich üben muss. Wenn man sich daran gewöhnt hat, kann man es allerdings wirklich einsetzen, um zu einem völlig neuen Fahrstil zu kommen, bei dem man die Bremse kaum noch benötigt und noch vorausschauender fährt. Dann kommt man tatsächlich auch in die Region der angegebenen maximalen Reichweite, die Nissan mit 380 Kilometern angibt – allerdings nicht bei den aktuellen Temperaturen. Im Minimum kamen wir einmal nur auf 190 Kilometer, bevor wir uns nicht mehr weiter getraut haben – im Normalfall jedoch sind weit über 200 völlig möglich. Für die Art Fahrer, die an der heimischen Steckdose tanken können, sollten selbst die Minimalwerte kein Problem darstellen.

Dass man am Ende für einen (wirklich) gut ausgestatteten Nissan Leaf einen realen Strassenpreis von 37.000 Euro zahlt, ist sicherlich die dunkelste Seite des Wagens – vor allem im Vergleich mit einem X-beliebigen Kompaktwagen mit Benzinmotor. Die alternativen Leasingkosten sind hoch, da die Prognosen für die Wertbeständigkeit immer noch unklar und somit im Zweifel negativ sind. Hier sind Hyundai und Kia deutlich besser. Viele Versicherungen zucken beim Leaf die Schultern, was die Auswahl einschränkt und somit am Ende auch potentiell die Tarife erhöht.

Vergleicht man den Nissan Leaf mit dem E-Golf, der deutlich weniger Normalität bietet, relativiert sich der Preis. Auch ein Kia E-Niro oder ein Hyundai Ioniq sind nur unwesentlich günstiger – je nach Ausstattung und Batterie-Package.

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Alles in allem ist der Nissan Leaf 2019 sicherlich einer der interessantesten Wagen der Klasse der kompakten Elektroautos. Seine Alltagstauglichkeit lässt einen die noch bestehenden Probleme des E-Antriebes vergessen. Und auch abgesehen von der Antriebsart ist der Nissan Leaf der neuen Generation ein angenehmer Geselle.




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