Wie fährt sich eigentlich ein moderner Cadillac?

Ja – Wie fährt sich denn eigentlich so ein moderner Cadillac…? Tatsächlich stellte mein Vater uns die Frage neulich. „Ihr fahrt doch ständig alle möglichen Autos – Amis fahrt ihr nie, oder?“

Tja… da ist schon was dran – also: Kontaktliste prüfen, aktuelle Cadillac CT6 auftreiben – ein solches Auto sind wir schon lange nicht mehr gefahren. Ganze 1333 Kilometer später sind wir schlauer. Erstaunt in Teilen, ernüchtert in anderen.

3,11 Meter Radstand sprechen eine eigene Designsprache. Der Cadillac ist nicht nur 5,17 lang – man kann das Gefühl bekommen, dass die vorderen Räder praktisch an der äußersten Ecke sitzen, was die ersten 3 oder 4 Kurven leicht verwirrend ist – dann verschwindet das Gefühl. Auch andere moderne Autos haben ein solches Fahrwerkslayout.

Einigermaßen beeindruckend: Sitzanlage in den besseren Ausstattungen mit dekorativen Ledersitzen und jeder menge Hightech

Der erste Eindruck ist gar nicht mal übel: Der Cadillac CT6 will sich messen mit Fahrzeugen wie dem 7er BMW oder der Mercedes S-Klasse. Er kommt mit obszönen Motorisierungen daher – wir fahren sowohl die 340PS Version als auch die mit 417PS. Soviel vorweg: Die 77PS mehr braucht kein Mensch, die verschwinden im realen Fahrbetrieb und erhöhen nur den Verbrauch. Machen sich vielleicht gut am Stammtisch, lassen sich aber nicht mit echten 400PS vergleichen, wie sie BMW oder Audi produzieren.

Der Einsteigen hinten im Cadillac CT6 ist nicht ganz so oberklassig, wie man es gerne hätte. Da muss man sich unbequem weit herunter bücken und der Dachhimmel ist so geformt, dass Menschen über 1,75-1,80 hinten nicht so viel Spaß haben wie in andere oberklasse-Autos. Immerhin: Für die Knie ist reichlich Platz – 3,11 Meter Radstand haben da doch gewisse Vorzüge.

Ziemliche Ansage – und wenn Du willst, sehen den viele eher von hinten

Fühlt der Wagen, der in der kleineren Motorisierung ab 73.600 Euro zu haben ist, sich sonst auch oberklassig an? Erhlich gesagt: Jein. Hier greifen dann doch wieder die Themen, mit denen US-Autos immer Punkte verloren haben. Da geht es nicht um das letzte Bisschen Haptik oder so: Die Materialien im Cadillac CT6 sind einfach unwürdig schlecht.

Schon der erste Kontakt nach 300 Metern mit dem Blinkerhebel ernüchtert. Der Blinkerhebel wirkt trashig – die Materialien können gar zum Teil wirklich gar nichts. Die Verarbeitung ist eher mild und knackt und knarzt – Die Kofferraumverkleidung wirkt, wie schnell noch vor der Auslieferung durch den Azubi eingeklebt. Die Schiebedachmechanik ist billig und sichtbar. Nach gerade mal 6.000 Kilometern sind Teile des Armaturenbretts bereits ausgeblichen, die Materialien im Innenraum weisen starke Kratzer auf. Also echt: Das geht für das Geld nicht, auch wenn der Wagen mit all seinen serienmäßigen Luxus-Features signifikant billiger ist als Mitbewerber dieser Klasse.

Echt jetzt? Sorglose Platzverschwendung im Kofferraum und üble Verarbeitung teilweise schäbiger Materialien, die auch noch mies riechen. Hier ist mal so gar nichts auch nur ansatzweise Oberklasse. Da hat ein Dacia Sandero mehr drauf. Peinlich

Am Ende des Tages möchte man den Wagen doch wohl nicht nur für ein halbes Jahr kaufen, oder?

Auch sonst gilt: Die Klimaanlage macht einfach nur kalt. Hier sind Wettbewerber eine oder 2 Klassen darunter schon besser – das ist regelrecht lächerlich, was hier geboten wird.

Typisch US-Amerikanisch: Die Ausstattung kann was, Haken dran. Hier ist alles drin – und noch ein bisserl mehr. Im Platinum gibt es eine feudale Sitzanlage hinten und noch ein Entertainment System mit Kopfhörern – auch vorne gibt es ein ausgezeichnetes Soundsystem, mit dem der Wagen punkten kann und viele Knirschgeräusche übertönt.

Dann fährst Du richtig los…

Drei Liter V6 340PS und Allrad – das macht schon mal was her. Das Fahrwerk ist top abgestimmt und hält die ganze Welt von dir fern, fühlt sich beinahe nach Citroen an. Die Lenkung ist direkt – gibt einem ein eigenartig fliegendes Gefühl, zumal die Sitze wirklich hochkomfortabel sind und der Motor fleissig hochdreht, wenn auch ganz entschieden zu laut. Das ist im Innenraum schon peinlich und klingt nach Macho. Dennoch: Mit dem Fahrwerk kann man irre komfortabel fahren. Kurven kann der Wagen auch besser als erwartet – im Grenzbereich wirkt er dann aber schnell überfordert und zeigt, dass das nicht seine Welt ist. Hier wird dann auch sein Gewicht und dessen Verteilung sehr spürbar. Amerikaner eben.

Behind the wheel. Teilweise kindische Armaturen mit digitalem Schnickschnack – aber die Klangqualität des Soundmoduls ist erste Klasse. Wer in einem fahrenden Auto die Lautstärke mit einem Slider regulieren will, wissen wir nicht

Und Autobahnen? Richtig – die gibt es im Heimatland des Cadillac CT6 auch nicht. Kann er die trotzdem? Bis 150 Km/h ist der Wagen überraschend cool – vor allem im Sportmodus kann das Fahrwerk hier wirklich stärken demonstrieren. Das Magnetic Ride System kann was und auch die Achtganggang-Automatik ist soweit fein – wer in einem solchen Wagen Schaltwippen braucht, weiss kein Mensch – vielleicht funktionieren sie deshalb auch nicht so toll, weil sie nicht dafür gebaut wurden, ernsthaft verwendet zu werden.

Ab 160 – 170 KM/h wird der Wagen dann laut. Und zwar in erheblichem und auch völlig unerwartbarem Umfang. Aber in aller Fairness: Bis zu dieser Geschwindigkeit ist der Cadillac CT ein wirklich komfortables Autobahnauto, das sich sicherer anfühlt, als die meisten Menschen von einem US-Auto annehmen würden, ohne polterig hart zu sein oder ähnliches. Dass er die Geschwindigkeiten auch weit jenseits der 170 Km/h mit einer lässigen Kraftentfaltung erreicht, ist toll, dass er dafür einen solchen horrenden Proll-Lärm beim Beschleunigen machen muss, ist ebenso unnötig wie peinlich. Du möchtest nicht, dass dein Chef in dem Wagen mitfährt. Na gut – wenn Du dir den Wagen kaufen kannst, hast Du eh nicht mehr viele Chefs über Dir, immerhin. Aber Deine Frau wird dich mit einiger Sicherheit auch auslachen bei der Geräuschkulisse.

Fett

Wer lieber lässig cruisen möchte, kann das tun – den belohnt dann sogar die Anzeige der Zylinderabschaltung, die dir dann V4 angezeigt. Ansonsten ist dieser Technik-Trick unspektakulär und du bekommst weder das Abschalten der beiden Zylinder mit, noch wie Inbetriebnahme. Trotz dererlei High-Tech Spielchen braucht der Wagen gerne mal unzeitgemäße 14 oder 15 Liter – unter 12 geht realistisch nicht so viel. Wer die Beschleunigung auskostet (und ja: Das haben wir auf den ersten 30 Test-Kilometern getan), der kommt gar in die Bereiche von 17-18 Litern. Die Werksangabe gaukelt einen Schnaps unter 10 vor.

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Für etwas über 73K€ gibt es den billigsten Cadillac CT – und der macht optisch schon was her. Zumindest von außen – von innen nur noch halb soviel. Und bei der gebotenen Material-Qualität wird er das in einem Jahr innen schon mal gar nicht mehr schaffen. Dafür sind 73.000 Euro einfach zuviel. Der Wertverlust ist brutal: Tageszulassungen gibt es für 43.000. Der wahre Gegner ist nicht die S-Klasse für mehr Geld, sondern der 5er und der A6, die man für 73.000 Euro auch mit einigermaßen Ausstattung bekommt. Die sind ausgewogener, leisten sich keine akustischen Peinlichkeiten und verlieren weit weniger Wert. Am Ende des Tages sind die dadurch tatsächlich billiger – und weniger verbrauchen tun sie auch.



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